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Rendezvous mit der Veränderung

Kaum trefflicher und poetischer lässt sich das Phänomen des „inneren Schweinehunds“ beschreiben als es Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ mit diesen Zeilen erfasst hat. Veränderung, Erneuerung, (Ver-)Wandlung, Change, Neugestaltung – viele Worte beschreiben das, was uns das Leben unweigerlich abtrotzt und was uns oft so unendlich schwerfällt.

Wir entkommen dem Fluss der stetigen Veränderung nicht, doch nur allzu oft würden wir den Status quo gerne konservieren, festhalten an Tradiertem, an Bewährtem oder sogar an Suboptimalitäten, in denen wir es uns jedoch kuschelig eingerichtet haben, sei es im beruflichen Kontext oder ganz im Privaten.

Doch dieses wärmende Nest der Gewohnheit, es ist trügerisch und nur allzu oft zerfällt es beim ersten rauen Wind und lässt uns zitternd und verängstigt zurück. Doch wie gehen wir um mit der Veränderung? Ist sie die unweigerliche Konstante in unserem Leben oder können wir uns ihr entziehen? Was dem einen ein riesengroßer Berg an Neuem ist, das dünkt dem anderen nicht einmal eines Maulwurfshügels würdig. Legionen von Unternehmens-, Lebensund sonstigen Beratern versuchen uns das eine, das wirklich funktionierende Change-Management-Konzept für nahezu alle Lebensbereiche zu verkaufen, suggerieren uns, dass es mit den richtigen „Tools“ und „Instrumenten“ (ich bekomme mittlerweile Schweißausbrüche und Wimmerln, wenn ich ein ähnlich dämliches Wort für etwas so Komplexes wie die Mechanismen der menschlichen Seele lesen muss, das uns schon rein semantisch in die Nähe von Maschinen rückt…) ganz einfach ist, uns, unser Umfeld, unsere Unternehmen, ja sogar ganze Staatsgebilde auf Knopfdruck zu verändern. Doch Veränderung kann nur dann etwas Positives bewirken, wenn sie unter den Bedingungen von Selbstreflexion und dem bewussten Willen zur und der Annahme der Veränderung geschieht. 

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
(aus: Hermann Hesse, Stufen)

Doch bevor es überhaupt geboten ist, sich der Veränderung und ihrem Gefolge an Problemen und Konflikten mit Energie und Erneuerungswillen hinzugeben, gebietet die Logik, eine unabdingbare Vorfrage zu stellen: Was bringt mir die anstehende Veränderung, welchen Input wird sie auf mein Leben, meine Arbeit, mein Wohlbefinden haben? In der öffentlichen Wahrnehmung ist „Veränderung“, „Change“ oder „Erneuerung“ eigentlich so gut wie immer positiv konnotiert. „Time for a change“, „Yes, we can!“, „Zeit für Neues“ - die Beispiele öffentlicher Aufrufe zum seelenheilfindenden Neuanfang sind vielfältig, allein: Sind sie auch selig machend? Ich persönlich finde, man muss strikt trennen zwischen dem Faktum, dass Erneuerung und Veränderung im Leben unabdingbare Konstanten sind, denen wir nicht entkommen, so sehr wir uns das vielleicht manchmal wünschen und der darauffolgenden Frage, ob diese Veränderung positiv oder negativ ist bzw. wie ihr zu begegnen ist. Und nein, man ist nicht deshalb automatisch alt und „uncool“, weil man nicht jeder Veränderung mit Jubelgeschrei kritiklos hinterherläuft. Einmal mehr bieten sich derzeit an dieser Stelle die deprimierenden politischen Veränderungen in Innen- und Außenpolitik als Negativbeispiele substanzlosen Erneuerungsgeschwafels an. Heiße Luft, nichts dahinter, alter Wein in neuen Schläuchen, das ist ganz sicher nicht die Art von Veränderung, die eine Gesellschaft auf eine neue Metaebene hebt, sondern produziert lediglich eine weitere Abwärtskurve im gesellschaftspolitischen Schweinezyklus von Freiheit und Angst.

Eine weitere Vorfrage, die man sich in einem Prozess der Veränderung stellen sollte, ist jener nach der Wirkrichtung. Beginnt die Veränderung in uns, leiten uns intrinsische Motive oder kommt der Stein des Anstoßes von außen? Dass innere Veränderungen unweigerlich auf das äußere Umfeld Einfluss haben und umgekehrt äußere Taktgeber auf unser Inneres einwirken, ergibt sich von selbst: actio – reactio, das dritte Newton´sche Axiom gilt nicht nur für die Physik. 

Doch genug der Analyse. Wie gehen wir sie denn nun tatsächlich an, die Veränderung? Wieso fällt es uns so unendlich schwer, der Todsünde der Trägheit – der Akedia – zu entkommen? Der Trägheit des Körpers, aber auch der Trägheit des Geistes? Wie entkommt man der Unfähigkeit, im Augenblick zu leben, der Unzufriedenheit, gepaart mit dem diffusen Wunsch nach Veränderung, der sich dann aber oft nur in Schlagworten festmacht, nicht jedoch in Taten? Wie viele Tausende Kilos wurden nur in Gedanken abgenommen, wie viele Tausende Kilometer niemals gelaufen, wie viele Bücher nie gelesen und wie viel Glück wurde nie erlebt, einfach weil wir uns nie bewusst wurden, wie wir als Mensch ticken, was uns antreibt, was uns zufrieden macht, was uns in Ekstase versetzt, wonach wir gieren und wovon wir nicht die Finger lassen können und warum? Dauernd wollen wir etwas an uns ändern, aber bevor wir damit anfangen, sollten wir uns dessen bewusst werden, was uns im Inneren wirklich antreibt. Und da zwar jeder Mensch eine einzigartige Persönlichkeit ist und hat, wir als Menschen jedoch auch nur eine biologische Spezies unter vielen sind, die grosso modo relativ ähnliche Verhaltensmuster aufweist, hilft ein wenig psychologisches Grundverständnis schon mal weiter beim ganz persönlichen Change-Management. 

Das ist zwar jetzt eine bittere Erkenntnis für alle jene, die den Individualismus zum Kult und Branding einer globalen Welt erhoben haben und die man kaum nachhaltiger beleidigen kann, als sie zu einem einfachen Mitglied der Herde „Mensch“ zu machen, doch sprechen alle empirischen Daten dafür: Der Mensch ist bis zu einem gewissen Grad eine vorhersehbare Größe. Wer schlau ist, analysiert daher – bevor er mit der Umwelt beginnt – zu allererst einmal sich selbst. Denn die Big Four eines anderen, besseren Ich sind in Wahrheit das rudimentäre Fundament jeder Veränderung: Selbstreflexion, Veränderungswille, Ernährung und Bewegung. Alles andere kommt dann von selbst. Klingt furchtbar banal, ist aber das Basisprogramm unserer archaischen Vorfahren. 

Wer sich selber gut kennt, kann sich nicht nur selber am allerbesten motivieren und die richtigen Trigger setzen, die es zur persönlichen Zielsetzung braucht, sondern der kann Strategien finden, wie er sich selber „austrickst“. Denn die Zieldefinition und der Veränderungswille sind zwar ein erster Schritt, bekanntermaßen geht einem die Luft aber erst nach dem ersten Kilometer aus… Ich persönlich bin durch viele Veränderungen gegangen, berufliche, private, persönliche und ich möchte keine einzige davon missen. Denn jede davon hat mich ein wenig weiser gemacht und stärker. Nach jeder Veränderung in meinem Leben, sei es eine negative oder positive, frage ich mich, wie ich diese Erfahrung skalieren kann, wie ich von der singulären Erfahrung auf zukünftige Strategien schließen kann. Was treibt mich an? Eitelkeit? Ganz sicher – sind wir uns ehrlich, wen nicht in unserem Job? Neugierde und ein gewaltiger Spieltrieb ebenfalls. Routine langweilt mich, manchen Menschen gibt sie Sicherheit, mir nicht. Ich bin ein sehr analytischer Mensch, dem im Gegensatz dazu ein krasser Freiheitsdrang und ein großes kreatives Potential entgegensteht. Soweit alles im grünen Bereich. Doch wie sieht die Habenseite aus? Rückstellungen muss ich definitiv für meine grenzenlose Ungeduld bilden, die manchmal sogar in harsche Überheblichkeit umschwenkt, wenn es mir nicht schnell genug geht. 

Beim Thema Machtstreben gibt es ebenfalls Potential für die Passivseite. Ich gebe es zu, ich bin ein Machtmensch; Unterordnung um der reinen Hierarchie willen bereitet mir beinahe physische Schmerzen. All dieses Wissen über mich selbst hilft mir, Strategien zu entwickeln, jene Veränderungen durchzuziehen, die ich erreichen möchte. Fast jedes schlaue Motivationsbuch gibt uns den Tipp, unsere Ziele zu „visualisieren“. Eine durchtrainierte, schlanke, erfolgreiche Version von uns selbst – das schaffen wir gerade noch uns vorzustellen. Doch der Frust ist um so größer, wenn wir ein Jahr später noch immer zehn Kilos zu viel auf den Rippen haben, der Job noch immer eine reine Qual ist und wir die Bauweise der Gründerzeithäuser einmal mehr verfluchen, weil wir schon im Hochparterre aus der Puste kommen und im Mezzanin eine Verschnaufpause einlegen müssen, bevor wir endlich den ersten Stock erreicht haben. Da hilft der Rückgriff auf das Wissen um die eigenen Schwächen und Stärken. Wie Sie, geneigte Leser meiner Kolumne „Dialog mit dem Hunger“ Anfang des Jahres entnehmen konnten, habe ich den Selbstversuch gewagt: Das Ziel dieser Initialzündung, die das Fasten darstellte, war eine mehr oder weniger komplette dauerhafte Ernährungsumstellung. 

Für eine bekennende Anbeterin der Wiener Mehlspeis- und Beislkultur ein gewagtes Unterfangen. Aber was soll ich sagen – der August ist vorbei und bis jetzt sind die Zucker- und Schnitzeldämonen nicht wieder in mein Lustzentrum eingebrochen. Es war hart, doch ich habe mich im Wissen darum, wie ich meine Psyche austricksen kann, durchgekämpft. Der Lohn? Der Verzicht auf Zucker, Weißmehl, Kaffee und Alkohol lässt den Körper aufatmen, die freie Energie gibt dem Geist Raum für Kreativität und vor allem auch Beständigkeit - diese Aspekte sind für den beruflichen Alltag nicht zu unterschätzen. Und da Zucker bekanntlich nicht nur fett, sondern auch depressiv macht, bin ich viel weniger launisch, was meinen Mann zu einem dankbaren Anhänger von Karotte, Zucchini, Karfiol und Co macht… Gesellige Kochrunden tun ihr Übriges dran zu bleiben, denn gemeinsam definiert sich die Karotte statt dem Schnitzel nicht mehr als Verzicht, sondern als lustiges Gesellschaftsspiel, bei dem man neben dem Spaß an der Kreativität, die die Beschäftigung mit dem Lebensmittel (das Wort allein sagt doch schon alles aus!) mit sich bringt - wenn schon nicht gewinnen, so zumindest nicht das Gesicht verlieren will – manchmal ist die Eitelkeit also durchaus ein guter Motivator! 

Und um nochmal mit Hesse´s Worten zu sprechen: „… Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben…“

Mag. Christina Hartig, WP
Präsidiumsmitglied der VWT

Vollständiger Artikel

Ausgabe WT 2019-04

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