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Wissensmanagement und Mitarbeiterführung – die Assets der Zukunft

Die aktuellen Erfahrungen zeigen: Die Suche nach Mitarbeitern und Nachfolgern gestaltet sich kompliziert. Der erste Schritt muss sein, dass wir die Außenbilder unserer Berufe so modern, interessant und herausfordernd darstellen, wie sie sind.

Unlängst standen bei einer Vortragsveranstaltung drei junge Kollegen zusammen und unterhielten sich über ihre Berufserfahrungen der letzten Jahre. Alle drei haben ihre Berufskarriere vor einigen Jahren gemeinsam in einer größeren Wiener Kanzlei begonnen. Dann haben sich ihre Wege getrennt. Ein Kollege hat die klassische Laufbahn im Berufsstand eingeschlagen und absolviert gerade die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer. Der zweite Kollege wechselte in eine kleine Kanzlei außerhalb von Wien, und der dritte Kollege ist heute als Leiter des Rechnungswesens in einem Unternehmen tätig.

Es hat sich ein spannendes Gespräch über unterschiedliche Erwartungshaltungen, gemeinsame Zeiten und das Potenzial von Veränderung ergeben. Wie haben sich die unterschiedlichen Entscheidungen auf Karriere, Lebensplanung, Freiraum und innere Balance ausgewirkt? Jener junge Kollege, der den Berufsstand verlassen hat, trug eindeutig ein Lächeln im Gesicht und strahlte innere Zufriedenheit aus. „Was ihm am wenigsten abgeht, ist die Zeiterfassung und das tägliche Stundenkontieren“, erzählt er auf Nachfrage, was denn am Beruf vielleicht ein bisschen genervt hat. Es scheint auch, dass er doch wesentlich mehr ruhigere Momente im Büro hat als die anderen beiden Kollegen, die im Berufsstand geblieben sind.

Das sollte uns zu denken geben: Ja, wir brauchen eine Marketingkampagne, die unser Berufsbild sowohl an Schulen und Universitäten als auch im internen Kanzleibetrieb gegenüber unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen modern, interessant und herausfordernd darstellt. Jene, die Freude an der täglichen Abwechslung und den ganz unterschiedlichen Anforderungen haben, die die Herausforderung in ihrer Tätigkeit suchen und für die das Wort „Wissensmanagement“ eine grundsätzliche Lebenseinstellung und keine Bürde ist, diese jungen Menschen müssen wir davon überzeugen, dass sie in unseren Kanzleien gut aufgehoben sind. Leider verlieren wir immer wieder junge, dynamische Kolleginnen und Kollegen an Industrie und Handel, an andere Beraterberufe und nicht zuletzt an die moderne „Internetindustrie“. Darüber müssen wir – durchaus mit ehrlicher Selbstkritik – reden und das müssen wir ändern, denn der Kampf um die besten Köpfe bestimmt die Qualität unserer Arbeit und damit unmittelbar die Wettbewerbsfähigkeit unserer Kanzleien in der Zukunft.

Wir müssen uns gemeinsam dafür einsetzen, dass wir schon in den Schulen Werbung für unsere beiden Berufsgruppen machen und wir dürfen uns nicht scheuen, dabei auch ausgetretene Pfade zu verlassen. Unser Beruf ist nicht nur eine Verwaltung langweiliger Zahlenkolonnen, hinter jeder Bilanz stecken spannende Unternehmen, interessante Unternehmerpersönlichkeiten und coole Geschäftsideen. Nirgendwo sonst kann man so viel „ökonomische Allgemeinbildung“ erlernen wie als Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer – all diese Assets gilt es, herauszuarbeiten und „rüberzubringen“. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass der Beruf auch Schattenseiten hat – hohe Komplexität, die manchmal auch überfordern kann, extreme Arbeitsspitzen, die für Familienleben und Work-Life-Balance nicht immer zuträglich sind, darf man nicht verschweigen, darüber muss geredet werden. Best Practices müssen dafür sorgen, dass die jungen Kollegen und Kolleginnen nicht die Flinte ins Korn werfen. Wir müssen Tools anbieten, die im stressigen Alltag das oft auf die lange Bank geschobene Thema „Mitarbeiterführung und Organisationspsychologie“ ganz selbstverständlich und vor allem kontinuierlich begleiten.

Ein weiteres heißes Eisen ist unser Kollektivvertrag, der 40 Stunden Wochenarbeitszeit festlegt, während die Industrie, mit der wir im Wettbewerb um die besten Köpfe stehen, nur mehr 38 1/2 Stunden hat. Diese 1,5 Stunden pro Woche summieren sich zu einem knappen ganzen Tag im Monat und zu zwei Wochen übers ganze Jahr. Das ist für die junge Generation ein nicht zu unterschätzendes Argument bei der Berufswahl, welches wir im Berufsstand diskutieren und dazu konkrete Lösungsmodelle erarbeiten sollten.

Und dann noch ein Wort zum Thema Ausbildung: Der Bologna-Prozess hat die Jugend weltoffener, globaler denkend und flexibler gemacht. Die Schattenseiten sind sicherlich die zunehmende Verschulung des Universitätssystems, das selbstständiges Arbeiten nicht mehr in der Form lehrt, wie es die Anforderungen des Berufsalltages mit sich bringen. Multiple-Choice-Tests zulasten des mündlichen Prüfungsgesprächs, das Bereitstellen von bereits selektiertem Lehrstoff auf Web-Plattformen, das alles führt dazu, dass Wissen sehr eindimensional vermittelt und abgefragt wird. Im beruflichen Alltag ist es jedoch ein allumfassendes Beratungsgespräch, in dem unterschiedliche Aspekte in ein (steuerliches) Gesamtkonzept einfließen, darauf wird nicht ausreichend vorbereitet. Wir als Berufsstand sollten uns überlegen, wie wir wieder stärkeren Einfluss auf die Basisausbildung nehmen können, um die Absolventen und Absolventinnen besser auf unsere Bedürfnisse und die Anforderungen der Wirtschaft vorzubereiten.

Alles in allem ist das Thema „Mitarbeiter und Nachfolger“ ein dynamischer Prozess mit Überraschungseffekten für uns selbst und für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Wir wollen uns dieses Themas annehmen, in Veranstaltungen darüber diskutieren und dazu informieren – für ein wertschätzendes gegenseitiges Verständnis zwischen den Generationen und für die Zukunft unserer Kanzleien!

Mag. Philipp Rath
Präsident der VWT

Ausgabe WT 2020-01 | Wahl Spezial 2020

 

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